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Maßstäbe der Macht: Psychometrische Prüfungen als Techniken

. Zur Philosophie informeller Technisierung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, (2014)

Zusammenfassung

Die Debatten um die Philosophie der Psychologie und die Psychometrie sind bislang primär wissenschaftsphilosophisch geführt worden. Im vorliegenden Beitrag betrachte ich die angewandte Psychologie dagegen primär technikphilosophisch. Folgende Annahmen bewegen mich dazu, die ich an dieser Stelle zwar nicht ausführlich begründen, aber zumindest am Fall der Psychometrie exemplarisch demonstrieren kann: 1. Die Psychologie ist vor allem dort erfolgreich gewesen, wo sie Anwendungen/Applikationen entwickelte. 2. Diese Anwendungen stellen Techniken dar. 3. Die angewandte Psychologie ist daher technikphilosophisch und zumindest nicht allein wissenschaftsphilosophisch zu betrachten. Mit anderen Worten: Die angewandte Psychologie hat nie aufgehört, Psychotechnik zu sein, selbst dort, wo sie diesen Ausdruck als Titel für eine historische und vergangene Gestalt der praktischen Psychologie (miss-)versteht. Paradigmatisch lässt sich diese Überlegung an den psychologischen Mess- und Prüfungstechniken durchführen. Dabei werde ich mich in diesem Beitrag mehr systematisch als historisch mit einer Begründung dieses Gedankens befassen.1 Dass psychologische Prüfungen Techniken sind, erscheint als irgendwie uneigentliche Redeweise. Selbst dort, wo hochstandardisierte Prüfungsformen an die Stelle von pädagogischem Takt, subtilem Gehör und geschulter Urteilskraft treten und die Antworten keinen Graubereich gestatten wie bei Intelligenztests, scheint sich der Rede von der „Technik“ in Gedanken ein „Quasi-“ voranstellen zu wollen. Inwiefern lassen sich psychologische Prüfungsformen wie Intelligenz-, Kompetenz- oder Persönlichkeitstests als Techniken begreifen? In der Psychologie wird zumindest zu jener Zeit, in der sich die angewandte Psychologie auch als Psychotechnik bezeichnete, von Prüfungstechniken gesprochen: „Tests are the devices by which mental abilities can be measured.“ (Viteles 1921: 57) Endet mit der Psychotechnik die kurze Ära der Prüfungstechniken? Dagegen spricht, dass die damals entwickelten und die gegenwärtigen Prüfungsformen eine hohe Kontinuität aufweisen. Was begann also um 1900 mit dem psychologischen Prüfungswesen? Inwiefern gehören Psychologie und Testbewegung zu der umfassenden Verwissenschaftlichung und Technisierung des Sozialen in der Moderne, die viel seltener betrachtet werden als die Ingenieursleistungen im Brückenbau und Schiffsbau? (Raphael 1996). Im Nachfolgenden unternehme ich den Versuch, die Rede von „Prüfungstechniken“ zu begründen und zu präzisieren. Dazu muss der Modus, in dem diese Techniken in Erscheinung treten, verstanden werden. Es handelt sich, so die These, um informelle Techniken. Diese sind keine uneigentlichen Techniken, die daher nur in uneigentlicher Rede als Technik bezeichnet werden dürften. Die Beziehung zwischen Individuen und Technik ist im Falle informeller eine andere als im Falle klassischer Technik. Meine Argumentation entwickelt sich wie folgt: Zunächst werde ich eine naheliegende Annahme aufgreifen, worin das Technische psychologischer Prüfungsformen besteht. Anschließend zeige ich die Mängel dieser Annahme auf. Dadurch wird eine Betrachtung psychologischer Prüfungsformen möglich, die freilegt, inwiefern sich an dieser Stelle informelle Technik und Macht kreuzen.

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